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NZZ
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»Manche Grossverleger träumen davon, wieder klein anzufangen«, meinte der Zürcher Verleger Peter Schifferli einmal. Wie sein Lehrmeister Jakob Hegner träumte er von der Einheit des literarisch und handwerklich gleichermassen vollkommenen Buches dessen Individualität sich der massenhaften Verbreitung widersetzt. Nicht nur gut, sondern vor allem auch zeitlos schön musste es sein.

Für den bibliophilen Ästheten des Buchdrucks Jakob Hegner war, so schien es mitunter, die äussere Form beinahe wichtiger als die Auswahl der Inhalte, und so mochte er sich nichts Schöneres vorstellen, als im Himmel einmal »eine gut eingerichtete Druckerei vorzufinden mit vielen alten Schriften, die noch keines Menschen Auge gesehen«. Ob dieser Traum in Erfüllung gegangen ist ? -

Vor kurzem konnte eine Verlegerin und Buchgestalterin ein Jubiläum feiern, deren zumeist mit eigener Hand gesetzte und von ihr selbst liebevoll und phantasiereich illustrierte Bücher nicht in Buchhandlungen, dafür aber in Ausstellungen und Museen zu sehen sind. 25 Jahre lang hat die von ihr begründete »Raamin-Presse« kostbare Unikate der Buchherstellung veröffentlicht: aufwendig gestaltete, meist wenig bekannte Texte der Weltliteratur in künstlerischer und buchtechnischer Vollendung. Die geringen Auflagen von nicht mehr als 150 Exemplaren erzielen gemeinhin ein Verkaufsergebnis, das »grosse« Verleger staunen lässt: sie sind wenige Tage nach ihrer Fertigstellung vergriffen und werden nie wieder aufgelegt. Eine Sammler-Gemeinde erwartet von Jahr zu Jahr das neueste Ergebnis aus ihrer Werkstatt - und achtet dabei auf alles andere mehr als auf den Preis. Der ist nicht eben niedrig, aber kurz nach Erscheinen steigt er auf dem Antiquariatsmarkt um ein Vielfaches. Viele der regelmässig (vom »Börsenverein des deutschen Buchhandels«) als »schönste Bücher des Jahres« ausgezeichneten Bücher entstammen der Werkstatt dieser 1949 in Zürich geborenen Buchkünstlerin, die seit ihrem Studium an der Hamburger Hochschule für bildende Künste beharrlich mit Schriften und Illustrationen, mit Materialien und Formaten experimentiert.

Die Herstellung ihrer Bücher- eines pro Jahr beansprucht einen Entstehungszeitraum von zwölf Monaten. Sie entstehen vor den eigenen, im Laufe von vielen Jahren aufgestöberten Regalen mit vor dem Einschmelzen geretteten Bleibuchstaben und am Graphiktisch ihrer pedantisch geordneten Werkstatt am Rande Hamburgs. Sie werden von dort aus verschickt oder von ungeduldigen Bibliomanen bei einer Vernissage in jedem November in Empfang genommen. Nur die Bindung erfolgt unter der Obhut des renommierten Buchbinders Christian Zwang. Inzwischen hat allerdings das jahrelange Stehen an den Setzkästen seinen gesundheitlichen Tribut gefordert. Seit kurzem hat die Leipziger Offizin Drugulin, wohl die exquisiteste unter den deutschen Handsetzereien, den Satz der Raamin-Bücher übernommen. Für die Verlegerin, die es gewohnt ist, die meisten Handgriffe der Buchherstellung selbst zu verantworten (den Versand eingeschlossen!),begann damit eine neue Ära, die es ihr erlaubt, sich noch stärker ihrer zweiten Leidenschaft zuzuwenden: dem Schreiben.

»Fünfundzwanzig Kunststücke sind es jetzt geworden«, meint Roswitha Quadflieg im Rückblick auf ihre Raamin-Presse, »sie zu planen und in »Szene zu setzen« waren fünfundzwanzig Jahre wert - was anderes hätte ich tun sollen in meinem Leben, mit Kopf und Herz und meinen beiden Händen?« - und verschweigt dabei, wie sehr aus der leidenschaftlichen Verlegerin und Buchgestalterin inzwischen auch eine respektable Autorin geworden ist. »Verleger sind nicht selten verhinderte Schreiber, während es Lektoren gibt, welche unter dem doppelten Kreuz leiden, sowohl verhinderte Verleger wie verhinderte Schreiber zu sein«, schrieb einmal Peter Schifferli, in dessen Arche-Verlag 1985 Roswitha Quadfliegs erste Erzählung erschien: »Der Tod meines Bruders«. Darin berichtete sie von der Konfron tation ihrer Familie mit den Folgen einer furchtbaren Tragödie.

Auch in den bibliophilen Kostbarkeiten der Raamin-Presse - u. a. Texte von Ror Wolf und Theodor Storm, von Kafka und Strindberg, von Johannes Bobrowski und Samuel Beckett, von Friedrich Hölderlin und Adelbert von Chamisso, von Goethe und Ivan Goll - hat sie sich bevorzugt mit Geschichten von Unterlegenen befasst. »Ich liebe Verlierer, weil sie die einzigen sind, die das verhängnisvolle Rad aufhalten werden. Weil sie für Gigantomanie und Allmachtsphantasien unempfänglich sind«, meint sie - und Verlierer sind es auch zumeist, die sie in ihren Romanen und Erzählungen mit zärtlicher Fürsorge be-, schreibt. Ihr jüngster Roman, »Bis dann«, eine traurigkomische Fabel von einem verbitterten, von der Familie in ein Seniorenheim abgeschobenen Journalisten, der sich in eine Traumwelt flüchtet und mit einem unbekannten jungen Mädchen einen hintergründigen Briefwechsel führt, wurde im vergangenen Jahr mit Martin Benrath in der Hauptrolle fürs Fernsehen verfilmt. Ein nächster Roman und ein neues Buch der RaaminPresse werden in diesem Jahr erscheinen.

Roswitha Quadflieg, die Zürcherin in Hamburg, entstammt einer berühmten Schauspielerfamilie, ist ihren Weg jedoch stets in respektvoller Distanz zum Theater und unter geradezu störrischer Vermeidung jedweder Protektion gegangen. 1973 war sie, begleitet von Warnungen ihrer Lehrmeister, »losgestürmt, ohne genau zu wissen, was eigentlich los war, und vor allem, wohin alles führen würde. Lediglich zwei Schriften in erbärmlichem Zustand, eine mich allein durch ihre Grösse erschreckende, Schmieröl ausdünstende und, wie sich später herausstellte, für meine Zwecke völlig ungeeignete Schnellpresse, ein paar Winkelhaken und drei verbeulte Satzschiffe nannte ich mein eigen.« Wenn das Geld mal knapp wurde, verdiente sie sich durch Illustrationsaufträge etwas hinzu - so tragen etwa alle Ausgaben von Michael Endes »Die Unendliche Geschichte« ihre filigrane Zeichen-Handschrift.

Die handwerkliche und ästhetische Qualität deutschsprachiger Bücher hat sich, nach Jahren einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Formalen und allzu greller Werbesignale, wieder sichtbar gesteigert. Nicht zuletzt das buchkünstlerische Niveau der kleinen, erlesenen Handpressen, unter denen die Raamin-Presse einen vorderen Rang einnimmt, dürfte dazu das Seine beigetragen haben. »Buchkunst« hat wieder Konjunktur. Aber herstellende, zeichnende und schreibende Verleger(innen) sind selten anzutreffen. Zu Recht ist Roswitha Quadflieg gerade für ihre bisherige Arbeit mit einem Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet worden. Nicht nur die Gemeinde der Bibliophilen darf auf ihre nächsten Bücher gespannt sein - auch ihre Leser.

Matthias Wegner

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