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Hamburger Abendblatt Feuilleton
   
 


 

ddp Hamburg - Mit dem Monolog ”Ich will versuchen, Kupsch zu beschreiben” von Tankred Dorst wird nach Enzensbergers ”Ohne uns” der zweite Band einer Reihe von bis dahin unveröffentlichten Texten deutscher Autoren erscheinen, die von Roswitha Quadflieg herausgegeben, gestaltet und illustriert wird. Die Premiere des von Roswitha Quadflieg mit sieben mehrfarbigen Originalgrafiken illustrierten Buches, das in einer Auflage von 120 nummerierten und signierten Exemplaren zum Preis von 1400 Mark erscheint, findet heute ab 18 Uhr in Hamburg im Atelier von Till Verclas, Gaußstraße 176, statt. Um 20 Uhr ist eine szenische Lesung des Monologs (Hannes Hellmann) im Foyer der Studiobühne des Thalia Theaters in der Gaußstraße geplant. Wir sprachen mit der Initiatorin dieser außergewöhnlichen Kunstbuchreihe.

ABENDBLATT: Wie kamen Sie auf die Idee, unveröffentlichte Texte deutscher Autoren grafisch zu gestalten?

QUADFLIEG: Nach 25 Jahren Klassikern in von mir gestalteten Ausgaben stellte sich mir die Frage: Wie mache ich weiter? Ich wollte einen neuen Bezug herstellen, denn die Bibliophilie hat ja schon etwas von ,für alte Herren’. Jetzt wollte ich etwas machen, was heute entsteht, nicht nur meine Bilder heute, sondern: Was wird heute gedacht, und das als Herausforderung nehmen, darauf zu reagieren.

ABENDBLATT: Wie kamen Sie zu den Autoren, und wie eng ist die Zusammenarbeit mit ihnen?

QUADFLIEG: Meine Idee war, in die Moderne zu gehen und dort Erstausgaben zu bekommen, um die neue Reihe auch wirklich zu etwas zu machen, das es vorher nicht gegeben hat. Ich habe dann erst mal fünf Autoren angeschrieben, und Enzensberger hat innerhalb von vierzehn Tagen geantwortet und mir einen Text angeboten. Mit Dorst und seiner Frau Ursula Ehler habe ich in München ganze Nachmittage iiber den Text und die Gestaltung gesprochen.

ABENDBLATT: Hat die neue Reihe Ihre Arbeitsweise verändert?

QUADFLIEG: Hier ist es natürlich so, dass der Text mich inspiriert. Früher war das anders, da hatte ich ein bestimmtes Papier oder ein Format im Kopf und habe dann gesucht, wer eigentlich so schreibt. Jetzt aber ist es der Text und der Autor selbst.

ABENDBLATT: Der Monolog von Dorst problematisiert die Frage, wie das Böse in die Welt kommt. Wie haben Sie das grafisch umgesetzt?

QUADFLIEG: Zum Beispiel durch das ,Ausfallen’ der Bilder: Die Grafiken sind zum Ausklappen, und das ist, was auch bei Kupsch passiert: Das Böse in Kupsch wächst im Körper an und sprengt diesen dann. So sind auch diese Bilder, sie sprengen das Buchformat und springen heraus. Dann habe ich die Schrift rhythmisch auwachsend gesetzt, erst kleine Zeilen und dann immer größer werdend, dadurch wird es zwar schwerer lesbar, aber die Schrift hat das, was im Text passiert: Das Anwachsen visnalisiert sich auf jeder Seite.

ABENDBLATT: Was macht für Sie ein Buch zu einem Kunstwerk?

QUADFLIEG: Für mich ist ein Buch ein Zusammenspiel von Schrift, Bild, Material, Farben, was zusammen – wie bei einem Orchester – eine Harmonie ergibt. Das ist für mich das Primäre, dass alles zusammen einen Sinn ergibt: Ein schwarzes Lackleder für Kafka oder ein braunes stumpfes Papier für einen Beckett, das hat mit dem Inhalt zu tun. Und ein Buch ist ein Original, das man anfassen kann, ein sinuliches Erlebnis! Grafik lässt sich natürlich sehr viel leichter verkaufen, weil alle Leute sich das an die Wand hängen können. Ein Buch hingegen ist ein schmales Ding, es steht im Schrank, und kein Freund sieht es. Aber schon wenn man ein Buch in die Hand nimmt, es aufmacht – allein wie die Seiten fallen: Ein starkes Papier ist sperrig, ein anderes Papier fühlt sich an wie Stoff, oder auch Transparentpapier ... Ein Buch ist etwas für alle Sinne!
Interview: SABINE HANNO-WEBER

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