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. Auf der Suche nach der erfundenen Wirklichkeit
. Laudatio auf die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg
Verleihung Kulturpreis Pinneberg 2005
Rolf Eigenwald
  Wer weiß schon, was stimmt. Vieles ist vorstellbar. Also setze auch ich auf die Einbildungskraft.
  Ich stelle mir vor, was da während der letzten Jahre vor sich geht in der Verlagswerkstatt in Schenefeld. Die Literatur, Komplizin und zugleich Rivalin der Kunst, ist allgegenwärtig. Nicht zuletzt sind da die Zwanzig Dichter der Raamin-Presse, die das Haus bevölkern. Kein Zweifel, die Werkstatt in Schenefeld ist immer auch schon ein Literaturhaus. Die Kunst hat freilich den Vorrang, die Druck-Kunst. Eine begnadete Illustratorin ist am Werk. Es entstehen in Schenefeld wunderbare üppige Künstlerbücher, Gesamtkunstwerke, in denen Schrift und Bild, Gedanke und Illustration, Sinn und Form einander wechselseitig kommentieren und erhellen. Zwischen den Künsten vagabundiert Roswitha Quadflieg; und sie vermittelt zugleich zwischen ihnen. Man darf da getrost eine Doppelbegabung am Werke wähnen, wenn nicht gar eine Tripel- oder Quadrupelbegabung.
  Was in drei Jahrzehnten in der RAAMIN-PRESSE in Schenefeld entstanden ist, muss man sich auch nicht einbilden. Es lässt sich begreifen; es liegt vor. Es ist verbürgt. Wer je die Nachrichten aus Schenefeld gelesen hat, ist informiert und kann die Fülle oft nicht fassen. Im August 2004 erscheint dann–ach! - von den Nachrichten aus Schenefeld die Nummer 37. Es ist die letzte Ausgabe–Ende des Drucks. Das Trachten gilt fortan ganz der Literatur. Literarische Figuren haben sich immer stärker breit gemacht, haben offenbar einen Eigensinn entwickelt, verlangen größere, bald schon ungeteilte Zuwendung, drängen sich auf und fordern ihr Erscheinen. Während einer Arbeit, die für Jahrzehnte zu Standhaftigkeit (und zu Sesshaftigkeit in Schenefeld) verpflichtet, ist es auch zu mancher Ausschweifung gekommen. Im gleichen Haus, in dem die RAAMIN-PRESSE so ungemein prägend Spuren hinterlassen hat, wächst eine vermutlich zunächst gut verträgliche, dann mächtiger werdende Konkurrenz heran. (Vielleicht wirkt auch die Magie des Geburtsorts Zürich nach. Ich sage nur: Büchner, DADA, Canetti, tutti quanti; aus Kilchberg grüßen Mann und Meyer.) Auf jeden Fall: Eines Tages ist sie endgültig vorbei, die Zeit der produktiven Koexistenz. Die literarischen Figuren haben das Sagen und sie bestimmen das Schreiben. Diese Entwicklung deutet sich seit langem schon an. Da ist–zurückzugreifen und ihn herauszugreifen - 1994 zum Beispiel Franz Maus.
^ "Das ganze Leben war ein Puzzle aus Fiktionen, Wünschen und Wirklichkeit, die Realität für jeden eine andere. Ich war verliebt in Marie, wir konnten miteinander von der Zukunft träumen und gemeinsam Luftschlösser bauen. Das war völlig real. Niemand würde behaupten können, das sei nicht wahr. Solange man lebt, hat man Träume, und immer wieder aufs neue möchte man ein anderer sein. Denn wer wollte schon so sein, wie er war? Wer zum Beispiel wollte Franz Maus sein?" So steht es zu lesen in Bis dann. Von diesem vor mehr als 10 Jahren erschienenen Roman lässt sich gut eine Verbindung knüpfen zu Requiem für Jakob, zu dem in diesem Frühjahr erschienenen Buch von Roswitha Quadflieg, dem in den folgenden ‹berlegungen die Hauptaufmerksamkeit gelten soll. Das Spiel mit multiplen Identitäten ist hier wie dort das Thema, reizt als solches Spürsinn und Einbildungskraft gleichermaßen. Wer, fragt es sich während der gesamten Lektüre, ist dieser Jakob Birnbaum? Der Zufall (und mit diesem eine Unzahl von Dokumenten und Aussagen) haben den Helden, der alles andere ist als ein solcher, in den Blick der Autorin geraten lassen und bewirken bei dieser eine bis zum Ende des von ihr verfassten Buchs unaufgehobene Ratlosigkeit.
  Diese kann nur gewollt sein. Requiem für Jakob. Eine Spurensuche ist–wie andere Erzählwerke der Autorin auch - geprägt von einer spielerischen und doch immer auch ernsthaften Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Fiktionalität. Da ist – zunächst – ein Leben, das nicht zu fassen ist, ein Leben, das sich, wechselt doch der Protagonist Länder und Identitäten, Namen und Religionen, Berufe und politische Positionen so unverhofft wie lustvoll, schwankt er doch ständig zwischen Aktivitätswahn und Leidenselegie, allen Feststellungen entzieht. Stärker noch als Franz Maus in Bis dann und gewiss auch aus anderen Motiven will sich Jakob Birnbaum offenbar nicht dingfest machen lassen. Auch sein Leben kommt einem Puzzle gleich aus "Fiktionen, Wünschen und Wirklichkeit". Man geht nicht zu weit mit der Vermutung, dass die Unnahbarkeit seiner Existenz sich auch der Virtuosität eines Lebenslügners verdankt (sei dieser auch ein vielfach gezeichneter und geschundener Notlügner), dass sie sich ergibt (und somit eben gerade verstellt) aus dessen Kunst, falsche Fährten zu legen, Erlebtes erfinderisch zu überarbeiten: Leben als Täuschung und Selbsttäuschung. Nicht zu fassen.
^ An dieser Stelle beginnt die literarische Herausforderung. Wie ist einem – mit Verlaub – getürkten Leben mit den Mitteln der sprachlichen Darstellung zu entsprechen? Es mögen des berühmten Kollegen Vladimir Nabokov Sätze markieren, um was es geht: "Literatur ist immer Erfindung. Alles Erdichtete ist etwas Erdachtes. Wer eine Geschichte ‚wahr’ nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich." In diesem Sinne ist der Erfindung im Vor- und Abgelebten nur mit der Kunst der Erfindung beizukommen. Dies gelingt der Autorin Roswitha Quadflieg durch eine äußerst raffinierte Legierung, nach der Akribie und Phantasie Hand in Hand arbeiten. So lässt Requiem für Jakob. Eine Spurensuche zunächst die unerbittliche Historikerin wiederentdecken, die schon dem jungen Samuel Beckett im Hamburg des Jahres 1936 auf seine Schleichwege und somit auf die Schliche kommt. (Am Ende entsteht dann das Künstlerbuch Alles kommt auf so viel an. Weiteres zu Beckett in Hamburg darf man mit Freude erwarten.) Zu vermerken ist, eingeschrieben auch dem Requiem, eine unerhörte Recherche, betrieben mit Ausdauer und Leidenschaft (und fast schon ohne Augenmaß), eine investigative Wühlarbeit, die, wäre sie auch nur nach Art konventionell-berichtender Mitteilung zu Papier gebracht, allein schon Respekt abgenötigt hätte. Doch wäre diese schlichte Form einer nachgetragenen Beleidigung für das Leben des Protagonisten gleichgekommen.
  Nein, der Weg ist das Ergebnis; die Suche ergibt das Resultat. Die literarische Annäherung der Autorin an ein Leben macht den Prozess der oft genug vergeblichen Erschließungsversuche immer zugleich zum Thema. Die Spurensuche lässt nicht nur finden, entdecken, erschließen, sie lässt zugleich erfinden. Derart bleibt das Erzählte immer in der Schwebe, behält es den Charakter des Unausgemachten, des Unzuverlässigen, des Unfesten. Es geht um ein Leben voller Leerstellen. Die Autorin füllt diese, freilich keineswegs mit dem Interesse definitiver Wahrheitsfindung und faktenfixierter Anmaßung. Sie weiss nicht besser und sie denunziert nicht. Sie verlässt sich vielmehr auf ihren Möglichkeitssinn, um die Gedanken-Spielräume zu eröffnen. Derart befruchten sich gegenseitig der Autorin Spürsinn auf der einen und ihre Einbildungskraft auf der anderen Seite. Aus einem – bei aller Unberechenbarkeit – abgeschlossenen Leben bildet sich durch das Gestaltungskalkül der Autorin Roswitha Quadflieg ein offenes Kunstwerk.
  Mir scheint, diese hat eine Schwäche für jene, die, ältere Herren zudem, sich und anderen etwas vormachen. Auch Jakob Birnbaum zählt zur Gattung der unverlässlich-schrägen Vögel. Er ist ein Augenwischer, ein Hochstapler und ein Flunkerbüttel, ein Homme à femmes und ein Filou; ein Verdunkelungsvituose ist er, der, literarischer Held geworden, der Autorin immer wieder die Frustration vergeblicher Aufklärungsarbeit zuweist. (Solche Protagonisten finden sich im literarischen Werk Roswitha Quadfliegs nicht selten. Auch Ekkehart Valentin bleibt in Der Tod meines Bruders bis zum Ende des Buchs rätselhaft. Franz Maus ist schon genannt.) Hätte dem Jakob Birnbaum das 20. Jahrhundert nicht sowohl als Opfer als auch als Täter derart übel mitgespielt, so möchte man ihn einen Schelm nennen. Krull lässt grüßen. Und die diffuse Identität, mit der Birnbaum als Lebewesen und als Kunstfigur ausgestattet scheint, macht ihn zu einem modernen Baldanders. Beständig ist allein sein Wandel. So wäre dann Requiem nahezu ein Schelmenroman.
^ Aber ist Requiem überhaupt ein Roman? In anderen Erzählwerken legt die Autorin Roswitha Quadflieg sich fest. In ihrem umfangreichen literarischen Oeuvre gibt es eine Reihe von Romanen. Hin und wieder sind sie mit einem Zusatz versehen, als gelte es, die tradierte Beliebigkeit des Genres einzuschränken. So ganz genau lässt sich die jeweilige Textsorte nicht immer ausmachen. Gerade auch am Beispiel ihres jüngsten Buchs kann ihre literarische Existenz als ein Leben und Schreiben im Spannungsfeld konkurrierender Erzählweisen und verschiedener Vermittlungsmodi schön aufgewiesen werden. Requiem für Jakob changiert zwischen den Genres. Was auch ein Schelmenroman sein mag, ist zugleich Geschichte, ist politische Geschichte, ist Sozialgeschichte, ist Geschichte in Geschichten. Mehr noch: Requiem ist ein Bilderbuch. Was da in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe Die Andere Bibliothek in Gestalt scheinbar unverwüstlicher Handfestigkeit und so handschmiegsam gebunden vorliegt (derlei hätte gut auch im Haus in Schenefeld erdacht sein und entstehen können!), enthält unzählige Photos, Zeugnisse, Akten und Dokumente. Derart befriedigt das Werk, das durch die Vielfalt des Fiktionalen verwirrt, verwirren will, ja eine Verwirrungslust stiftet, auch ausgeprägte dokumentarische Ansprüche. Was ist, das ist.
  Und dann ist da, die Verwirrung auf die Spitze zu treiben, noch das Du. "Hier sieht es aus, Jakob, das müßtest du sehen! Du machst dich breit." (So sieht es aus, wenn eine literarische Figur mit dokumentarischem Hintergrund, kaum eingeladen, sich nicht mehr abweisen lässt. Das kommt einer Hausbesetzung gleich: Schwere Stunde in Schenefeld.) "Ach, Jakob. Wer erzählt mir mehr über dich und über deine beiden toten Söhne, deine beiden toten Frauen?" Dann: "Ein Leben, irgendwie nicht recht vorzeigbar, für das du dir Versatzstücke aus dem Leben anderer geholt – gestohlen hast." Und: "Dein Leben, verwirrendes Spiegelbild verwirrter Zeit. Die Ordnungen in meinem Kopf lösen sich auf – Deutsche schlecht, Juden … Ich muß nachdenken, Jakob."
  Requiem für Jakob ist also eine Du-Erzählung. Die Autorin verwickelt ihren Helden in eine – naturgemäß – einseitige Zwiesprache. Sie stellt ihn zur Rede. Sie durchbricht sein beredtes Schweigen. Fragend nimmt sie ihn sich vor, stellt ihn in Frage. Und sie stellt dabei immer auch sich selbst in Frage. Derart korrespondiert und kontrastiert die subjektive Eindringlichkeit mit einer Eindrücklichkeit des Tatsächlichen, die sich den zahlreichen Dokumentarbeigaben verdankt.
^ In einer einfühlsamen Rezension mit dem Titel Kaddisch für ein Chamäleon hat der Journalist Alexander Kluy im Wiener Standard das Requiem-Buch als einen personal essay im Sinne angelsächsischer Tradition bezeichnet. Es handele sich bei dieser Textart, schreibt er, "um das Umkreisen eines Themas in subjektiver Art und Weise", wobei man sich "auf Archive, reale Quellen und Unterlagen" stütze. So führt das Nachdenken, welchem Genre Requiem für Jakob zuzurechnen sei, in die Nähe des Essayistischen. Das Buch über einen Nobody mit den unheimlich vielen Eigenschaften entspricht in vielen Hinsichten dem Ethos essayistischer Denkweise, ist doch alles, was die Autorin ausführt, bestimmt von einem "Hauch der Widerruflichkeit", beeinflusst von der Kunst "hypothetisch zu leben" und von der Einsicht, dass "kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz" sicher sind. Die Spurensuche, als die das Requiem für Jakob im Untertitel bezeichnet ist, versteht sich also als Versuch und zu nicht geringen Teilen auch als Selbstversuch. Die Autorin hat das Buch und das Buch hat die Autorin im doppelten Wortsinn mitgenommen.
  Letztendlich ist das Requiem das Beispiel einer Zwiesprache, zeigt es, wie innig die Schriftstellerin Quadflieg sich, ohne den Zwiespalt zwischen Autorin und Figur zu leugnen, ihren Figuren annähert. Sie gibt Jakob Geleit – gleichsam zur letzten Ruhe. Durch die Titelvorgabe bewirkt, kommt dem Buch über einen vielfach Getriebenen, der aber auch ein Hyperaktiver ist, vermutlich ein Täter, über einen Verfolgten, dem der Verfolgungswahn, dem eigenen Fehlverhalten vermutlich entsprungen, zusetzt, ein feierlicher, ein liturgisch legitimierter Ernst zu. Was da in Metz beginnt, in Altona endet, das ganze Jahrhundert nahezu ausfüllt, die Autorin auf der Spurensuche öfter als die Schuhe die Länder wechseln lässt, ist eben auch ein Requiem; und es ist, beschwert durch die Erblast der Geschichte, ein deutsches Requiem, ein deutsch-französisches Requiem, ja, ein deutsch-französisch-jüdisches Requiem: Kaddisch; Kaddisch für ein Chamäleon.
  Jetzt wird es ernst; zu ernst. Literatur erleichtert. Sie gewinnt den schweren, den wüsten, den verworfenen Lebensläufen heitere Seiten ab, wendet, was nicht auszuhalten, nicht zu fassen ist, durch die Kraft der Gestaltung ins Leichte. Auch in dieser Hinsicht erweisen sich das Jakob-Buch und andere literarische Werke von Roswitha Quadflieg als Produkte einer raffinierten Legierungskunst. Der Schelm, der Jakob Birnbaum immer auch ist, bewirkt, dass sich im Requiem viele Scherzo-Elemente finden. Derart setzt die Autorin auch die Traditionslinie der komischen Realisten fort, mit denen sie sich als bildende Künstlerin beschäftigt. Man kann auch lachend ernsthaft sein.
  Das Nachdenken über die Schriftstellerin Roswitha Quadflieg, 1949 in Zürich geboren und in Schenefeld (Kreis Pinneberg) drei Jahrzehnte doppelt schwer beschäftigt, darf also leichtfertig enden. Vielleicht so: Titel führen ein in Texte. Sie können auch dazu dienen, aus einem Text wie dem meinigen herauszuleiten. So will ich sie denn abschließen, meine von Respekt und Einbildungskraft geleitete Spurensuche, die Suche nach einer doppelt erfundenen Wirklichkeit. Man hat gesehen: Alles kommt auf so viel an. Mein Unternehmen war und bleibt eine subjektive Wahrnehmung, was sonst. Ich könnte gut sagen: Bis dann. Doch ich sage mit Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft der Autorin Roswitha Quadflieg: Alles Gute.
  6.11.2005
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